Fall Osthoff: Wie man eine Familie als „irre“ abstempelt

Fall Osthoff: Wie man eine Familie als „irre“ abstempelt

ursprünglich am 30.12.2005 gepostet bei Indymedia, nachträglich auf die eigene Website gesetzt am 18.03.2006

Nachdem wochenlang deutsche Gossenpresse und Dummfunk die Bevölkerung in penetranter Weise zuschwallten mit Fürbittgottesdiensten u.ä. zum Wohle einer angeblich(en) mildtätigen Archäologin, die Opfer irakischer Geiselnehmer geworden sein soll, wechselte man bei den Darbietungen der Manipulationsmaschinerie vom Zuckerbrot zur Peitsche.

Was ging dieser 180°-Wende voraus?
Nun, nach ihrer mysteriösen „Freilassung“ (ein Sprecher des Auswärtigen Amtes wies Spekulationen über einen Zusammenhang mit der völlig überraschenden Freilassung Hamadis nach fast 20 Jahren Haft weit von sich) gibt sie (am Montag, den 26.12.05) dem arabischen Sender Al Jazeera ein Interview. (Zuvor war sie vermutlich noch in Obhut der deutschen „Botschaft“ oder des „BND-Hauses“ in Bagdad, bei ihren Angehörigen daheim habe sie sich nicht gemeldet.)

Bei Al Jazeera hatte sie vergleichsweise leger ein Kopftuch angezogen und wirkte durchaus einigermaßen souverän, insbesondere Gestik wurde in adäquat wirkender Weise eingesetzt. Der zugehörige Interviewtext wurde jedoch auffälligerweise nicht verläßlich überliefert. Eine vollständige Fassung des (angeblich) auf Englisch geführten (warum dieses, wo sie doch fließend Arabisch sprach?) Interviews liegt uns jedenfalls nicht vor. Jedoch setzte hierzulande umgehend eine massive Kampagne gegen sie ein, da sie in dem Interview angeblich angekündigt hätte, in den Irak zurückkehren zu wollen. Was aber hat sie sonst oder sogar als viel eher berichtenswert in dem Al-Jazeera-Interview gesagt?

Abgesehen davon, daß sie für die Entführer einiges Verständnis gezeigt habe, daß sie anmerkte, zum Glück seien ihr zufolge die Entführer „keine Kriminellen“ gewesen, und Amerikaner aus der Grünen Zone hätten diese ja nicht entführen können.

Sehr bald darauf (Dienstag, den 27.12.05) soll eine angeblich identische, jedoch zutiefst vermummte bzw. verschleierte Person dem ZDF ein Interview gegeben haben. Wer diese Person tatsächlich ist, ist nicht erkennbar. Die Sätze der Person, sofern sie denn „live“ von der Person stammen, sind vielfach grammatikalisch und formallogisch zerstückelt. Gestik findet nicht statt. Ausgerechnet das für den sog. „Anti-Terror-Krieg“ so überaus praktische Phantom „Sarkawi“ darf wiederholt in dem wirren Text auftreten bzw. genannt werden, allerdings ebenso weniger gut in den westlichen Kreuzzug passende Andeutungen über „jüdische Geheimdienstoffiziere“. Die BILD-Zeitung berichtet sogleich vom „irren Fernsehauftritt“ der Person. Es wird somit in Summe der Eindruck des vollständigen Irreseins der Persons erzeugt. Wo genau und unter welchen exakten Umständen die Person gefilmt wurde, ist nur eines der vielen völlig unklaren Details. Sofort tauchen nun zusätzlich auch Meldungen auf, die Person habe ihre Entführung womöglich nur inszeniert. Eine mancherorts spekulierte frühere Tätigkeit für den BND sei absurd (doch wer finanzierte das teure Internat für ihre Tochter, die an Weihnachten in der „Obhut“ des BKA war?), jedenfalls überaus unwahrscheinlich. Vielmehr stelle sich die Frage, ob sie womöglich eine verdächtige Nähe zu Saddam Hussein (oder dessen früheren Anhängern als jetztigen Geldgebern) gehabt habe.

Praktisch zeitgleich (nämlich ebenfalls Dienstag, den 27.12.05) ereignet sich in Oberbayern die staunenswerte Begebenheit, daß urplötzlich der Bruder der „irren“ Person in die Psychiatrie zwangseingewiesen worden sein soll. Es wird also der Bevölkerung eingeflüstert, binnen weniger Stunden seien zwei Geschwister – obgleich tausende Kilometer getrennt und ohne bekannten Kontakt zueinander – völlig psychisch dekompensiert. Rein zufällig natürlich. Daß da jeweils Geheimdienste – westliche gar – nachgeholfen haben könnten, wird medial erstens gar nicht erst angeschnitten, und zweitens, wenn es doch jemand täte, würde dieser als notorischer Verschwörungstheoretiker und ebenso durchgeknallt wie die beiden Geschwister verunglimpft. Kaum servierte man der deutschen Öffentlichkeit die „Irre aus Bagdad“, durfte ein Ex-Staatssekretär samt Familie, der auf Einladung hin im Jemen weilen soll, sich als entführt vermelden lassen. Daß dies „nur inszeniert“ worden sein soll, ist hingegen nicht und nirgends zu lesen. Warum auch, so etwas würden ja nur „Irre“ machen, aber doch kein „Rechtsstaat“, schon gar nicht einer, in dem etliche führende „Vertreter“ ihre Sehnsucht nach Folter und Militäreinsatz im Landesinneren sabernd absondern.
Derweil gehen – medial weitgehend bis völlig unbeachtet – die Kriegsvorbereitungen der USA, Israels und der NATO gegen den Iran munter weiter.
Rußland winkt derweil schon mal mit dem Zaunpfahl, Erdgas ggf. nicht mehr in die Ukraine zu liefern, und bei deren absehbarer „Gegenmaßnahme“ eines teilweisen Abzapfens der anderweitig bestimmten Duchliefermenge gen Westeuropa liegt ein Total-Lieferstopp Russlands nahe.
Es ist dies ein Krieg mit Ansage: Spätestens ab März muß damit gerechnet werden, just also dann, wenn Iran Öl für Euros zu verkaufen gedenkt.

Hinweis: Weitere Analysen und Herkunft der Fotos bei:
http://www.arbeiterfotografie.com/galerie/kein-krieg/hintergrund/index-irak-0014.html

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